Eva Markert: Mama hat einfach kein Händchen für Blumen!

Adventsgeschichten

Mama hat einfach kein Händchen für Blumen!
© Eva Markert

 
Immer wenn Annikas Mutter eine Topfpflanze oder einen Blumenstrauß bekommen hatte und nach kurzer Zeit wegwerfen musste, sagte sie: „Ich habe einfach kein Händchen für Blumen.“

„Eigentlich ist das stark untertrieben!“, dachte Annika dann. Es war fast schon unheimlich, in welch rasender Geschwindigkeit sie Pflanzen zugrunde richtete.

Einmal zum Beispiel schenkte Papa ihr einen schönen Strauß rosa Nelken und Mama gab sich zuerst auch alle Mühe damit. Sie schnitt sogar die Stängel fachmännisch schräg an. Doch dann vergaß sie, das Wasser zu erneuern. Kurze Zeit später wurden die Blüten braun und hingen herunter.

„Es ist hoffnungslos“, seufzte sie. „Ich habe einfach kein Händchen für Blumen.“

Als Annika mal mit ihr in der Stadt war, gab es im Supermarkt wunderschöne rosa blühende Topfpflanzen. Spontan stellte Mama eine davon in den Einkaufswagen.

„Was machst du denn da?“, fragte Annika entgeistert.

„Die sehen so schön aus“, verteidigte sich Mama. „Außerdem sind sie nicht teuer.“

„Weißt du, was das für welche sind?“, wollte Annika wissen.

„Keine Ahnung. Aber das ist eigentlich auch egal. Schließlich brauchen alle Blumen Wasser, Dünger und Sonne.“

Also goss sie die Pflanze reichlich, steckte ein Düngestäbchen in die Erde und stellte den Topf auf eine sonnige Fensterbank.

Sofort ließ das Gewächs alle Blätter hängen, die Blüten fielen ab, und schon bald musste Mama wieder den Weg zur Mülltonne antreten.

„Ich verstehe das nicht!“, sagte sie zu Annika. „Ich hab doch alles getan! Es kann nur daran liegen, dass ich einfach kein Händchen für Blumen habe.“

Am 11. Dezember hatte Mama Geburtstag. Kurz vorher gingen Papa und Annika in die Stadt, um etwas für sie zu besorgen.

„Hast du schon eine Idee, was du Mama schenken willst?“

„Eine Pflanze.“

„Eine Pflanze? Du willst mich wohl veräppeln!“

Annika grinste. „Ich glaube, ich habe genau die richtige für Mama gefunden.“

„Die richtige Pflanze für Mama?“ Papa sah sie zweifelnd an. „Du meinst wahrscheinlich eine Plastikblume.“

„Nein! Einen Weihnachtsstern!“, rief Annika triumphierend.

„Wie kommst du darauf, dass der bei Mama eine Überlebenschance hätte?“

„Weil er nur ganz wenig Wasser braucht. Das hat Tante Sabine gesagt, und die kennt sich aus mit Blumen.“

„Wenn du meinst …“

Papa ging mit Annika ins nächste Blumengeschäft und sie suchte eine kräftige Pflanze mit leuchtend roten Blütensternen aus.

„Nimm besser eine, die rosa blüht. Rosa ist doch Mamas Lieblingsfarbe“, riet Papa.

„Nee, lieber rot“, sagte Annika. „Du weißt doch, mit rosa Blumen hat sie kein Glück!“

Mama war begeistert über das Geschenk. In den nächsten Tagen prüfte sie oft, ob die Erde feucht war, und las sogar in einem Blumenbuch nach, was da über Weihnachtssterne stand.

Während der Adventszeit verlor die Pflanze nicht ein einziges Blatt. Sie prangte auf dem Esszimmertisch, an den Feiertagen schmückte sie das Weihnachtszimmer, und am Neujahrstag sah sie immer noch taufrisch aus.

„Siehst du? Hab ich doch gesagt!“, flüsterte Annika ihrem Vater zu.

Januar und Februar blieb der Weihnachtsstern im Wohnzimmer stehen. Ab und zu betrachtete ihn ein Familienmitglied und schüttelte ungläubig den Kopf.

Zu Beginn des Frühlings verlor die Pflanze einige Blätter. „Jetzt wird sie wohl bald kaputtgehen“, stellte Mama fest.

„Ich finde, sie sieht immer noch recht ansehnlich aus“, meinte Papa. „Zum Wegschmeißen jedenfalls zu schade.“

Kurz vor Ostern stellte Mama den Weihnachtsstern in eine dunkle Ecke auf der Küchenfensterbank. „Er passt nun wirklich nicht mehr in die Zeit!“, sagte sie.

Auf der Fensterbank vergaß sie ihn völlig. Doch das schien dem Weihnachtsstern recht gut zu bekommen.

Im Mai fiel Annika plötzlich auf, dass er immer noch dort herumstand. Seine Blütenblätter waren ganz staubig. „Der könnte was Wasser gebrauchen“, dachte sie und goss ihn.

Irgendwann im Juni fragte Papa: „Wie hast du es bloß geschafft, den Weihnachtsstern so lange am Leben zu halten?“

„Wenn ich das wüsste!“, antwortete Mama. „Vielleicht liegt es daran, dass ich mich gar nicht um ihn gekümmert habe.“

Und der Weihnachtsstern blühte weiter. Das Rot war im Laufe der Zeit zwar blass geworden, aber die Pflanze wuchs und hatte sogar ein paar neue hellgrüne Blätter bekommen.

Anfang August meinte Papa: „Im Hochsommer ist ein Weihnachtsstern wirklich fehl am Platz, findet ihr nicht?“

„Was soll ich denn machen?“ Mama zuckte hilflos mit den Schultern. „Ich kann eine gesunde Pflanze doch nicht einfach wegwerfen!“

Der September kam und niemand dachte mehr an den Weihnachtsstern, außer Annika, die ihm ab und zu ein bisschen Wasser gab. Die Pflanze hatte inzwischen einige kahle, dürre Stängel, aber immer noch viele Blätter.

Einen Monat später sah Papa den Weihnachtsstern zufällig, als er mal das Küchenfenster öffnete. Er lachte. „Wir können das Ding demnächst wieder auf den Tisch stellen! Ist das nicht eine Sensation?“

Mama nickte. „In diesem Haus grenzt es fast schon an ein Wunder!“

Kurz darauf verlor der Weihnachtsstern seine letzten blassroten Blütenblätter.

„Jetzt ist er wohl endgültig hinüber“, erklärte Mama.

Doch der Weihnachtsstern war keineswegs hinüber. Im Gegenteil: Ende November wirkte er wieder ziemlich kräftig und hatte viele junge Blätter.

Am ersten Advent stellte Mama ihn auf den Esszimmertisch. Dort ging er von einem Tag auf den anderen ein.

„Schade!“, sagte Mama, als sie ihn in die Mülltonne warf. „Ich hatte mich richtig an ihn gewöhnt. Aber andererseits bin ich auch froh, dass wir ihn endlich los sind.“

Annika war auch froh, denn es wurde wieder Zeit, ein Geburtstagsgeschenk zu besorgen.

„Was ich Mama kaufe, ist ja wohl klar!“, verkündete sie.

„Aber diesmal muss es einer mit rosa Blüten sein“, verlangte Papa. „Wenn es um Weihnachtssterne geht, können Leute, die kein Händchen für Blumen haben, ein bisschen Pech gut gebrauchen.“

 
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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigungen jeglicher Art nur mit Zustimmung des Verlags.

Die Geschichte stammt aus dem Buch / eBook
Eva Markert: Adventskalender zum Lesen und Vorlesen
Eva Markert
Adventskalender zum Lesen und Vorlesen
Dr. Ronald Henss Verlag

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