Eva Markert: Petrus und der Weihnachtsmann

Adventsgeschichten

Petrus und der Weihnachtsmann
© Eva Markert

 

Der Weihnachtsmann von Winterland machte sich große Sorgen. Jeden Morgen schaute er als Erstes aus dem Fenster. Verflixt noch mal! Es hingen doch genug dicke graue Wolkenwerkstätten über Winterland. Wieso schneite es nicht? Ohne Schnee konnte er doch nicht mit dem Schlitten fahren, ohne Schlitten keine Geschenke verteilen und ohne Geschenke müsste Weihnachten dieses Jahr ausfallen.

Petrus schien das alles gar nicht zu kümmern. Überhaupt war er seit Tagen wie vom Himmelsboden verschluckt.

Schließlich wurde es dem Weihnachtsmann zu bunt. Er beschloss, höchstpersönlich nach dem Rechten zu sehen.

Die Tür zur ersten Wolkenwerkstatt war verschlossen. Vergeblich rüttelte er an der Klinke. Als er durch das Fenster schaute, sah er, dass der große Arbeitsraum verlassen dalag. In der zweiten, der dritten Werkstatt – überall herrschte gähnende Leere. Wo waren die vielen Schnee-Engel, die gefrorene Regentropfen aus den riesigen Schneetruhen holten und sie an langen Tischen zu den schönsten Schneekristallen schliffen?

Hanael rannte an ihm vorbei.

„He, du“, rief der Weihnachtsmann, „du bist doch ein Schnee-Engel.“

Hanael blieb stehen.

„Warum arbeitest du nicht? Und wo sind all die anderen?“

„Weg.“

„Was heißt hier ‘weg’?“, brauste der Weihnachtsmann auf.

„Entschuldige, aber ich muss mich beeilen. Mein Wolkenschiff legt gleich ab. Außerdem habe ich versprochen, nichts zu verraten.“

„Wem hast du das versprochen?“

„Dem Heiligen Petrus.“ Erschrocken schlug Hanael die Hand vor den Mund. „Das durfte ich ja eigentlich auch nicht sagen.“

„Aha!“ Der Weihnachtsmann hatte sich schon gedacht, dass Petrus hinter der Sache steckte. Sofort machte er sich auf den Weg zu dessen Wolkenvilla.

Vorher schaute er noch schnell bei den Schnee-Engeln vorbei. Im großen Schlafsaal waren die Betten abgezogen, die Schränke fast leer – beinahe so, als ob alle ausgewandert wären.

Leise vor sich hin schimpfend trat der Weihnachtsmann auf die Himmelsstraße und sah gerade noch, wie sich Petrus in einem Hauseingang versteckte. Mit langen Schritten eilte er darauf zu. Nun konnte Petrus ihm nicht mehr entkommen.

„Wo bleibt der Schnee?“, fuhr er ihn an. „Es wird höchste Zeit!“

„Was fragst du mich? Ich bin doch kein Schnee-Engel.“

„Warum ich dich frage? Na hör mal! Du bist doch für das Wetter zuständig!“

Petrus drängte sich an ihm vorbei. „Halt mich nicht auf. Ich habe Wichtigeres zu tun.“

Der Weihnachtsmann packte ihn am Arm, aber Petrus riss sich los und rannte leichtfüßig davon. Der Weihnachtsmann setzte ihm nach, aber er konnte lange nicht so schnell laufen und geriet sofort ins Schwitzen. Er keuchte und schnaufte dermaßen, dass zwei kleine Engel stehen blieben und ihm kichernd nachblickten. Nach den Festtagen würde er endlich abspecken. Das nahm der Weihnachtsmann sich in diesem Augenblick ganz fest vor.

Sie liefen in die Himmelsgasse hinein, die zu Petrus’ Wolkenvilla führte. Plötzlich hörte der Weihnachtsmann ein fürchterliches Getöse. Erschrocken blieb er stehen. Es ratterte und knatterte, knallte und puffte. Vor Petrus’ Haus stand ein rauchendes, fauchendes und qualmendes Ungeheuer.

Vorsichtig ging der Weihnachtsmann ein Stückchen näher heran. Da sah er, wie Petrus mir nichts, dir nichts in das Monster hineinkletterte.

„Was machst du da?“, schrie der Weihnachtsmann. „Was ist das für ein Ungetüm?“

Petrus stellte den Motor ab. „Dieses Ungetüm, wie du es nennst, brauchen wir, damit Weihnachten in Winterland dieses Jahr nicht ausfallen muss.“

„Glaubst du im Ernst, dass ich mit diesem Ding Geschenke ausfahre?“

„Das habe ich nicht gesagt.“ Und Petrus erklärte ihm, was er vorhatte.

„Hmm.“ Der Weihnachtsmann kratzte sich am Kopf und überlegte. „Na gut, ich komme mit.“

Aber er sah kein bisschen fröhlich aus. Im Gegenteil! Als der Lastwagen mit einem Ruck anfuhr, fing er an zu zetern und hörte nicht mehr damit auf. Er klagte über Rückenschmerzen, eingeschlafene Füße, Hunger, Durst, Müdigkeit und jammerte, wie schrecklich er lange Reisen im Allgemeinen und vor allem Fahrten im Lastwagen fand.

Erst als sie den Nordpol erreichten, verstummte er. Staunend blickte er sich um. Vor ihm lag eine endlose weiße Fläche. So weit das Auge reichte, nichts als glitzernder Schnee.

„Lass uns gleich mit der Arbeit anfangen“, schlug Petrus vor.

Wieder schwitzte und stöhnte der Weihnachtsmann, während er Schnee auf den Wagen schaufelte. Er wurde immer langsamer und schaffte höchstens halb so viel wie Petrus.

Auf der Rückreise war er so erschöpft, dass er nicht mal schimpfen konnte.

Es wurde schon dunkel, als sie an der ersten Wolkenwerkstatt ankamen.

Plötzlich strömten Hanael und viele andere Schnee-Engel herbei. Irgendetwas war merkwürdig an ihnen. Die weißen Kleider und … Der Weihnachtsmann kniff die Augen zusammen. „Wieso seid ihr alle so braun?“

„Wir kommen gerade aus dem Urlaub.“

Der Weihnachtsmann traute seinen Ohren nicht.

„Wir waren Skifahren.“

„Und wir haben Ferien in der Karibik gemacht. Es war herrlich! Wir …“

„Ich hatte euch doch verboten, darüber zu sprechen!“, fuhr Petrus dazwischen.

Betreten sahen die Schnee-Engel zu Boden.

„Entschuldigung. Daran – haben wir gar nicht mehr gedacht“, stammelte Hanael.

„Macht euch an die Arbeit, aber schnell!“

Die Engel schleppten den Schnee in die Wolkenwerkstätten, öffneten die Fenster und warfen ihn mit vollen Händen hinaus. Petrus half mit, sogar der Weihnachtsmann. Dem wurden aber sehr schnell die Arme lahm.

„Eins musst du mir noch erklären, Petrus“, keuchte er. „Wieso hast du die Schnee-Engel ausgerechnet vor Weihnachten in Urlaub geschickt und dich nicht um Schnee gekümmert?“

„Ich habe mich doch um Schnee gekümmert!“, widersprach Petrus.

„Aber warum mussten wir dafür zum Nordpol fahren?“

„Kannst du schweigen?“, flüsterte Petrus.

Der Weihnachtsmann glaubte, dass er das konnte.

„Ich hatte etwas Wichtiges vergessen“, wisperte Petrus ihm ins Ohr. „Die Schneetruhen, weißt du? Es war kein einziger gefrorener Regentropfen mehr darin. Ich habe nämlich nicht rechtzeitig für Nachschub gesorgt.“

„Ach so“, rief der Weihnachtsmann. „Jetzt wird mir alles klar. Na, da kannst du ja froh sein, dass ich dir geholfen habe. Wenn ich nicht mit zum Nordpol gefahren wäre – Weihnachten hätte glatt ausfallen müssen. Aber zum Glück konnte ich diese Katastrophe gerade noch verhindern.“

 
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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigungen jeglicher Art nur mit Zustimmung des Verlags.

Die Geschichte stammt aus dem Buch / eBook
Eva Markert: Adventskalender zum Lesen und Vorlesen
Eva Markert
Adventskalender zum Lesen und Vorlesen
Dr. Ronald Henss Verlag

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