Antonia Stahn: Bunte Lichter

Antonia Stahn: Die Reise vom gläsernen Baum ...

Antonia Stahn: Die Reise vom gläsernen Baum ...

Die Straße der bunten Lichter
© Antonia Stahn
 

Am Montagmorgen bringt Martha den kleinen Salon wieder in Ordnung. Laura und Lucas helfen ihr.

„War mal wieder ein schönes Fest mit deiner Klasse, Lucas“, sagt Martha. „Deinen Großeltern hat es auch gefallen. Junge, Junge! Wie die alten Leutchen getanzt haben!“

Laura lächelt versonnen. „Hast du denn auch gesehen Martha, dass ich getanzt habe? Mit Johannes, Lucas’ bestem Freund. Und der ist nett!“

Im Handumdrehen ist der Salon aufgeräumt. Lucas schaut sich zufrieden um. Alles in Ordnung. Das riesige Zimmer sieht wieder aus wie vor der Party. Lucas mag diesen Raum. Schade, dass der Salon nicht mehr so häufig genutzt wird. In Opas jungen Jahren wurden hier viele Feste gefeiert.

Beim abendlichen Schachspiel erzählt Opa hin und wieder von diesen Festen. Und von seiner schönen Frau, Lucas’ und Lauras Oma. Die Kinder kennen sie nur vom Foto. Lucas hört seinem Großvater gern zu. Das Schachspiel werden die zwei später nachholen.

Laura und Lucas treffen sich am Nachmittag wieder in der Bibliothek. Eine Weile schauen sie aus dem Fenster. Es schneit erneut. Weiße Weihnachten kündigen sich an.

Kichernd sagt Laura: „Guck mal, Lucas: Der Schneemann, den deine Gäste gebaut haben, ist fast eingeschneit! Magst du mir heute auch eine Traumgeschichte erzählen?“

„Ja klar, kleine Maus, deshalb sitzen wir doch wieder hier.“

Liebevoll schaut Lucas seine Schwester an und beginnt zu erzählen …

»… Es ist Abend. Heute wollen sich Paul und Mimir die große Stadt bei Nacht ansehen. Ein bestimmtes Ziel haben die beiden nicht.

„Diese Stadt schläft wohl nie“, denkt Paul.

„Doch! So gegen Morgen wird es ein wenig ruhiger“, bemerkt Mimir.

Paul wundert sich keineswegs über Mimirs Fähigkeit, Gedanken zu lesen.

Plötzlich bleibt Paul stehen. „Hör nur, Mimir: Wunderschöne Musik! Woher kommt sie?“

Mimir deutet auf ein sehr großes Haus. Es wird von riesigen Scheinwerfern angestrahlt. Einige Fenster des Hauses sind geöffnet. Viele Passanten bleiben stehen. Sie haben genauso viel Freude an der Musik wie unsere kleine Seele.

„Diese Gebäude werden Theater genannt“, erklärt Mimir. „Hier spielen Menschen – Schauspieler werden sie genannt – Geschichten nach, die bedeutende Dichter geschrieben haben. Andere Menschen wiederum machen Musik. Sie spielen Melodien nach Noten großer Komponisten.“

„Was sind Komponisten?“ Mehrfach wiederholt Paul dieses neue Wort. Er will es sich gut einprägen.

„Eigentlich auch nur Dichter, die ihre Geschichten in der Sprache der Musik erzählen“, antwortet Mimir. „Der Mann, der diese Musik schrieb, lebt schon lange nicht mehr. Sein Name war Wolfgang Amadeus Mozart. Die Menschen seiner Zeit haben ihn für ein Wunderkind gehalten. Mozart konnte bereits mit vier Jahren fast perfekt Klavier spielen und auch kleine Musikstücke komponieren. Je älter er wurde, umso schöner klang seine Musik. Doch in seinen Augen, bzw. seinen Ohren klang sie niemals gut genug. Mozart hat, ebenso wie du Paul, über tausend Jahre im gläsernen Körbchen geschlafen. In seinen Träumen hörte er stets die herrliche Musik vom Glücklichen Planten. Sehr viel deutlicher als die anderen Seelen in ihren Körbchen. Seine Aufgabe bestand darin, den Menschen diese Musik näherzubringen. 1756 wurde Mozart geboren. Achtung, Bewunderung und helle Freude lösten seine Kompositionen bei den Menschen aus. Diese Hochachtung war dem jungen Mann zu viel. Er wurde unbeschreiblich eitel. Höfliches Benehmen war ihm fremd. ‘Es ist die Musikbesessenheit! Sie macht den armen Kerl so unleidlich’, sagten die Leute und akzeptierten sein Genie. Wolfgang Amadeus Mozarts Erdenzeit währte nur sechsunddreißig Jahre. Menschen in aller Herren Länder trauerten um ihn. Einige sogar um die Musik, die er wahrscheinlich noch komponiert hätte. Von seiner Verzweiflung, die Musik des Glücklichen Planeten nicht genau wiedergeben zu können, ahnten sie nichts.“

„Ich denke, er hat seine Aufgabe recht gut erfüllt. Diese herrliche Musik erinnert mich tatsächlich an die Melodien in meinen Träumen“, erwidert Paul.

„Es sind viele Komponisten vor und nach Mozart auf die Welt gekommen. In deiner Erdenzeit wirst du von ihnen hören. Doch nun lass uns weitergehen. Wir wollen schließlich noch mehr von der Stadt sehen.“

Nach einiger Zeit erreichen sie eine Straße, auf der viele Menschen unterwegs sind. Die dicht aneinander gebauten Häuser sind mit bunten Lichtreklamen ausgestattet. Große Plakate werben für Spaß, Vergnügen und Glück.

„Diese Straße nennen wir ‘Die Straße des falschen Glücks’“, informiert Mimir seinen Schützling. „Leider wissen die Menschen nicht, was sie suchen, wenn sie hierher kommen.“

„Was suchen sie denn?“, will Paul fragen, als er ein leises Schluchzen neben sich hört.

Neugierig schaut er sich um. An der Seite eines jungen Mädchens entdeckt er eine winzige Seele. Unaufhaltsam laufen Tränen über das Gesicht des fragilen Wesens.

Paul hockt sich hin und nimmt den kleinen Kerl in den Arm. „Hallo, Kleiner, was ist los? Hör doch auf zu weinen! Erzähle mir bitte, weshalb du so traurig bist. Vielleicht kann ich dich trösten oder dir gar helfen.“

„Das glaube ich nicht“, schluchzt das Seelchen. „Siehst du die junge Frau hier? Seit drei Monaten bin ich in ihrer Nähe. Sie sollte meine Erdenzeitbegleiterin werden. Heute habe ich erfahren, dass sie mich gar nicht will. Morgen muss ich diesen Planeten verlassen. Mein Schutzlicht hat gemeint, es sei egal, wie stark meine Liebe für diese Erdenfrau ist. Sie hat sich nicht gewünscht, mich zu bekommen.“

Pauls Mitleid gibt der Tränenflut des Kleinen neue Nahrung. „Hu, hu!“, schluchzt er. „Ich habe mich so sehr auf meine Erdenzeit gefreut. Ohne mich kann die Erdenfrau ihr falsches Glück besser verkaufen. Das hat sie zu der Erdenfrau gesagt, die auch jeden Tag an dieser Ecke steht.“

„Hör doch auf zu weinen, Kleiner!“ Behutsam wischt Paul dem Seelchen die Tränen aus dem Gesicht. „Weißt du was: Ich bitte Mimir, dir zu helfen.“

Selbstverständlich will Mimir alles in seiner Macht stehende für die kleine Seele tun.

„Welchen Namen sollte dieser Winzling für seine Erdenzeit bekommen?“

„Peter. Sobald sein Leben beginnt, wird man ihm diesen Namen geben. Sorge dich nicht, Paul. Diese kleine Seele bekommt ihre Erdenzeit. Ich, Mimir, Engel der Weisheit, verspreche es.“

Kopfschüttelnd beobachtet Mimir das lebhafte Treiben in der Straße der bunten Lichter.

„Diesen Menschen kann ich nicht mehr helfen. Aber für Peter kann ich ganz sicher etwas tun“, denkt er.

„Ich werde euch für eine Weile alleine lassen. Achte gut auf den Kleinen“, bittet er Paul.

Pauls Vertrauen in Mimir ist grenzenlos. Er hockt sich neben Peter und winkt dem stadtauswärts gehenden Mimir nach.

In einem Dorf unweit der großen Stadt sitzt ein älteres Ehepaar im Wohnzimmer vor dem Fernseher. Es schaut sich gerade einen Bericht über die Dominikanischen Inseln an. Beide sehen gebannt auf den Bildschirm. Sie sehen, doch sie hören nicht. Ihre Gedanken drehen sich ständig im Kreis. Kreismittelpunkt ist Lisa. Erwachsene, einzige Tochter des Ehepaars. Lisa hat nach einem heftigen Streit das Haus verlassen. Seit Wochen haben die Eltern nichts von ihr gehört.

„Wo mag sie wohl sein? Hoffentlich geht es ihr gut!“, seufzt die Mutter.

 


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Antonia Stahn Weihnachtssaga
Antonia Stahn
Die Reise vom gläsernen Baum
zum blauen Planeten
Eine Weihnachtssaga
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-02-9

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