Sabine Ludwigs: Das Land Nunassig

Weihnachtsgeschichten Band 3

Weihnachtsgeschichten Band 3

Das Land Nunassig
© Sabine Ludwigs

 

Manchmal ist Leonie richtig traurig und daran ist ihre Lungenentzündung schuld. Den ganzen Dezember über ist sie nun schon krank. Jetzt sind es nur noch zwei Tage bis Weihnachten, und ihr Husten ist noch immer so schlimm, dass Mama ihr verboten hat aufzustehen.

Es ist langweilig, fast den ganzen Tag allein zu sein und im Bett zu liegen. Besonders jetzt, in den Weihnachtsferien, wenn draußen die Wintersonne scheint und den Schnee zum Glitzern bringt, als hätte jemand einen großen Eimer Glitzerpulver darüber geschüttet. Oder wenn sie das Lachen und Rufen der anderen Kinder hört, die kugelige Schneemänner bauen und sich die Zeit mit Schneeballschlachten und Schlitten fahren vertreiben. Wie gerne wäre sie dabei!

Mama und Papa sind bei der Arbeit und Leonie hat schon alles gemacht, was man im Bett so machen kann: gemalt, gelesen, mit ihrer Puppe gespielt, Märchen angehört und sogar ein bisschen geschlafen. Trotzdem ist es erst zwölf Uhr. Leonie seufzt – und in diesem Augenblick klingelt es an der Tür.

Obwohl sie nicht aufmachen darf und auch nicht aufstehen soll, tut sie es doch und schaut neugierig durch den Spion.

Draußen steht Herr Frost, der Paketbote. Er hat silberne Haare und manchmal denkt Leonie, dass auch seine Augen silbern sind. In den Händen hält er ein Päckchen, also öffnet sie.

„Guten Tag, Leonie“, begrüßt Herr Frost sie und lächelt. „Ich habe hier etwas für dich abzugeben.“

„Für mich?“, fragt Leonie und ist erstaunt, denn es ist noch nie vorgekommen, dass ihr jemand ein Päckchen geschickt hat. Nur Mama oder Papa, die bekommen natürlich ab und zu eins. „Wirklich, Herr Frost?“

„Ja, ja, es ist für dich. Siehst du?“ Er hält es ihr hin. Tatsächlich! Da steht in krakeligen Buchstaben:

Leonie Pütz
Buchenweg 12
44532 Lünen

Und es kleben viele Briefmarken drauf, die Leonie nicht kennt. Sie nimmt das Paket. Es ist nicht schwer, aber auch nicht leicht.

„Wer hat mir das geschickt?“

„Tja …“ Herr Frost zuckt mit den Schultern. „Wer weiß? Es steht jedenfalls kein Absender da.“ Er zwinkert ihr zu. „Aber bestimmt ist eine Überraschung drin.“ Dann geht er pfeifend davon.

Leonie hustet, holt schnell eine Schere und läuft zurück in ihr Zimmer, weil man ein Päckchen auch bequem im Bett auspacken kann.

Gespannt öffnet sie es und zum Vorschein kommt eine schneeweiße, runde Schachtel, und als Leonie den Deckel abhebt, muss sie einfach „Aaah!“ rufen, so hübsch ist das, was sie sieht. Vor ihr, zwischen raschelndem, hauchdünnem Seidenpapier, liegt eine Schneekugel.

Vorsichtig nimmt Leonie sie heraus und bestaunt das Wunderwerk. Es ist eine ziemlich große Glaskugel und darin eingeschlossen ist ein verschneiter Winterwald, so lebendig und natürlich, als würde sie durch ein Fenster geradewegs in einen echten Wald schauen.

Die Zweige der Tannen tragen schwer an der Last des Schnees und auf einem kahlen Buchenast hocken dicht an dicht ein paar aufgeplusterte Spatzen, um sich gegenseitig zu wärmen.

Am besten von allem aber gefällt ihr der See.

Still und starr breitet er sich bis zum Waldsaum aus. Kinder auf Schlittschuhen stürmen lachend über die Eisfläche und ein Junge hilft einem Mädchen, das hingefallen ist, beim Aufstehen. Weiter hinten spielen ein paar größere Jungen Eishockey und ein Mann mit silbernen Haaren, der – Leonie traut ihren Augen kaum – genau wie Herr Frost aussieht, schaut ihrem Spiel zu.

Am Ufer stehen zwei Holzbänke. Auf der einen sitzen ein paar Mädchen mit bunten Wollmützen und Handschuhen. Ihre Wangen sind von der Kälte dunkelrosa und sie scheinen durcheinander zu plappern und Leonie zuzulachen.

Die andere Bank ist leer, nur ein paar Schlittschuhe stehen davor, gerade so, als hätte sie jemand vergessen.

Das Wunderbarste aber ist das silberhaarige Mädchen mit dem himmelblauen Kleid aus Tüll und Spitze, das in der Mitte des Sees Pirouetten dreht. Sie hat die Arme hoch erhoben und schaut aus wie eine Balletttänzerin, und es kommt Leonie beinahe so vor, als würde das Mädchen über das Eis schweben.

Vorsichtig schüttelt Leonie die Kugel und da geschieht es: Es fängt an zu schneien. Aber nicht nur in der Schneekugel, nein, auch von Leonies Zimmerdecke! Und wieder muss Leonie „Aahh!“ rufen, so überrascht ist sie und so aufgeregt!

Watteweiche Flocken taumeln wie Flaumfedern auf sie herunter, dazwischen funkelt es hell, alles tanzt und wirbelt fröhlich durcheinander. Leonie bekommt Lust, den Kopf in den Nacken zu legen und die Schneeflocken mit der Zunge aufzufangen. Sie schüttelt die Kugel noch fester, und es schneit immer mehr und mehr.

Sie klettert aus dem Bett und springt lachend und jauchzend durch das Schneegestöber. Bald deckt der Schnee alles zu: das Puppehaus, den Schreibtisch, und auch das Bett überzieht er wunderbar weiß, sodass Leonie vor Staunen beinahe vergisst, dass sie krank ist!

Ihr ist nicht kalt. Trotzdem zieht sie ihren Mantel über ihr Nachthemd und die Stiefel an die nackten Füße, und kaum ist sie fertig, da steht sie gar nicht mehr in ihrem Zimmer, sondern am Ufer eines zugefrorenen Sees.

Und es ist nicht irgendein See, es ist der in ihrer Schneekugel, das erkennt sie an den lachenden Mädchen mit den bunten Mützen und den Eishockeyspielern, aber vor allem an der kleinen Eistänzerin im himmelblauen Tüllkleid, die jetzt auf sie zugeglitten kommt.

„Hallo, Leonie“, ruft sie. „Ich bin Elfie Frost.“ Sie winkt dem silberhaarigen Mann zu, der bei den Hockeyspielern steht, und der Mann winkt zurück. „Meinen Vater kennst du ja schon. Und das hier ist der Kristallsee im Land Nunassig.“

Sie erzählt Leonie, dass Nunassig „das gute Land“ bedeutet. All die Kinder – die wie Leonie ihre Nachthemden und Schlafanzüge unter den Jacken anhaben –, sind krank und deshalb schon lange nicht mehr an der frischen Luft und im Schnee gewesen. Sie dürfen an den Kristallsee, um wieder einmal Spaß zu haben. „Denn wenn man sich freut“, behauptet Elfie, „wird man auch schneller wieder gesund. Und im Land Nunassig wird jeder froh.“

Sie deutet auf die Schlittschuhe, die neben der leeren Bank stehen. „Zieh sie an, dann zeige ich dir, wie man auf dem Eis tanzt.“

… wie diese zauberhafte Weihnachtsgeschichte weitergeht, erfährst du in dem Buch

Weihnachtsgeschichten Band 3
Weihnachtsgeschichten
Band 3
Dr. Ronald Henss Verlag

»»» Weihnachtsgeschichten Band 3 — Buch bestellen / eBook downloaden

***

Dieser Beitrag wurde unter Advent, Adventsgeschichte, Adventskalendergeschichten abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.