Katharina Britzen: Drago, der kleine Drache und Weihnachten

Drago, der kleine Drache und Weihnachten
© Katharina Britzen

Seit die Tage länger dunkel als hell waren, fühlte sich der kleine Drache Drago sehr einsam. Ihm fehlte Tobi. Kennengelernt hatten sie sich, als die Bäume ihr schönstes Grün trugen und der Kuckuck nichts Besseres zu tun hatte, als seinen Namen in alle Welt hinauszuposaunen. Rein zufällig waren sich der Junge und der Drache inmitten des Waldes nahe einer Höhle begegnet.
Mehr noch als Tobi war der Drache über die Begegnung überrascht, als ihm ein sommersprossiger Junge forsch zwischen Buchen und Fichten entgegen schritt und nicht etwa vor Schreck wie angewurzelt stehen blieb oder gar die Flucht ergriff.
„Manno, ein richtiger Drache! Super!“
So viel Mut hätte der kleine Drache niemals erwartet. Aus dem Drachenunterricht wusste er, wie sehr sich Menschen vor Drachen ängstigen. Komisch, nun erlebte er das Gegenteil. Er beschloss, dem Knirps eine kleine Lektion zu erteilen, um ihn den nötigen Respekt vor Drachen zu lehren. Aus der Lamäng heraus spie er Feuer in Tobis Richtung, ohne ihm jedoch ein Haar zu krümmen.
Tobis Reaktion war nur ein: „Super, Drache! Das würde ich auch gerne können.“
Drago war mit seinem Drachenlatein am Ende. „Warum hast du keine Angst vor mir? Alle Menschen fürchten sich vor Drachen.“
„Ich nicht.“
„Das seh ich.“
Respektlos umrundete Tobi den kleinen Drachen und kletterte ihm auf den Rücken. Er drückte seine Füße in die Flanken und rief: „Los, Drache, flieg mit mir eine Runde übers Dorf!“
„Erstens heiße ich Drago und zweitens heißt das bitte“, wies ihn der kleine Drache zurecht.
Eine Spur kleinlauter bat Tobi: „Bitte, Drago.“
Dann klatschte er Drago wie einem Pferd auf den Rücken und erwähnte nebenbei: „Übrigens, ich bin der Tobi.“
Weil Drago ein ganz und gar gutmütiger Drache war, umrundete er mit Tobi das Dorf. Nahe am Kirchturm vorbei. Tobi zeigte nach unten auf ein Haus mit roten Ziegeln, gelb gestrichen und dahinter einem Baum mit ausladender Krone.
„Da wohn ich. Das Fenster unterm Dach. Kannst mich ja mal besuchen.“
Als er eine Schleife flog, kreischte Tobi vor Vergnügen und feuerte ihn an. „Mehr, Drago, mehr Drago.“
Drago und Tobi erlebten interessante und spannende Monate miteinander. Gemeinsam erkundeten sie die Umgebung, entdeckten eine Höhle unter einem Lianenvorhang, die zu ihrem Treffpunkt wurde. Um die Höhle etwas gemütlicher zu gestalten, hatte Tobis Mutter ein altes Sofa, Tisch, Decken und Kissen spendiert, das Drago im Flug zur Höhle transportierte.
Oft statteten die beiden dem breiten Fluss einen Besuch ab, sonnten sich an seinem Ufer und lauschten den glucksenden Geschichten, die seinem Wasser entstiegen. Interessant, was so ein alter Fluss in Jahrtausenden erlebt hatte. Sie lernten die fleißigen Biber kennen und winkten im Herbst den Störchen nach, die gen Süden aufbrachen.
Und nun dauerte der Winter schon einige Wochen. Igel und Eichhörnchen lagen längst im Winterschlaf, und eine Schneehaube bedeckte die Dächer. Der Winter mit seinen dunklen Tagen ließ ihnen wenig Zeit für Gemeinsames. Sie sahen einander nur noch selten, denn Tobi musste bei Anbruch der Dunkelheit zuhause sein. Drago fieberte den seltenen Besuchen entgegen.
Trafen sie sich, interessierte sich Drago für die seltsamen Bräuche, die sich vor seinen Augen abspielten. Oft war er durch die Straßen des Dorfes gestreift, hatte in das eine oder andere Fenster gelinst und sich so seine Gedanken gemacht.
Warum über Nacht in Sträuchern und Bäumen plötzlich Lichter hingen? Warum nachts Fenster im Kerzenlicht erstrahlten? Warum vor den mit Tannenzweigen geschmückten Hauseingängen Laternen brannten? Warum es plötzlich so anders roch im Dorf? Süß und fein.
Hatte Tobi ihm pünktlich zum 1. Advent einen Kranz mit vier Kerzen mitgebracht, so überreichte er Drago – einen Tag vor dem 3. Advent – eine Dose Lebkuchen. „Von meiner Mama.“
Wie gerührt Drago war! Er roch an der Keksdose und erkannte den herrlichen Duft, der wie eine süße Haut die Dächer des Dorfes überspannte. Nach dem ersten Bissen hätte er am liebsten die ganze Dose leer gefuttert. Nein, er blieb eisern und wollte sich die Kekse lieber für die nächsten Tage aufsparen.
Tobi erklärte ihm den Sinn von Advent. Dass Advent Warten bedeutet. Warten auf Weihnachten, warten auf das Licht. Hell und hoffnungsfroh. Gemeinsam entzündeten sie die Kerzen, die die Höhle in ein schummriges Licht tauchte.
„Fast wie bei uns zuhause“, freute sich Tobi.
Tobi erzählte von Josef und Maria. Von ihrer Herbergssuche. Vom Christkind, das in einem Stall geboren war und in der Krippe auf Heu und Stroh gebettet war. Von den drei Weisen aus dem Morgenland, die zur Geburt des Kindes Geschenke brachten so wie auch die Menschen einander an Weihnachten beschenkten. Dass in jeder Stube ein geschmückter Tannenbaum stand. Von den Weihnachtsliedern, die gesungen wurden.
Drago bat: „Singst du mir eins vor?“
Tobi überlegte kurz und sang drauflos: „O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter …“ Er kannte nur die erste Strophe.
„Schööön!“ Drago gefiel, was Tobi erzählte, und er wünschte sich, auch einmal Weihnachten zu feiern. hatte Als Tobi sich mit einer Umarmung verabschiedete, klang er traurig. „Kann erst wieder nach Weihnachten kommen, Drago. Wir bekommen Besuch von Opa und Oma und meiner Patentante.“
Drago begleitete ihn bis vor die Höhle und sah ihm nach, wie Tobi davonstürmte. Kurz vor der Wegbiegung drehte er sich noch einmal um, winkte und rief: „Frohe Weihnachten, Drago. In fünf Tagen ist Weihnachten.“
„Frohe Weihnachten, Tobi.“ Auch Dragos Stimme klang traurig.
Er trottete zurück in die Höhle, die vom Licht der Kerzen etwas erhellt war. Eingehüllt in die karierte Decke legte er sich aufs Sofa, schob sich ein Kissen unter den Kopf. Nur noch schlafen wollte er, solange bis Tobi wieder Zeit für ihn hatte und Weihnachten vorüber war. Zum Trost griff er nach der Keksdose, futterte sie leer und löschte die Kerzen. Dann fielen ihm die Augen zu.
Seltsames riss ihn aus dem Schlaf. Rief da jemand oder träumte er? „Drago, aufwachen!“
Drago öffnete die Augen und erblickte Tobi, auf dem Kopf eine Weihnachtsmütze. Wie lange hatte er geschlafen? Drago rieb sich die Augen. „… was … was … ist los?“
Tobi lachte: „Alte Schlafmütze. Steh endlich auf. Überraschung!“
Drago war plötzlich hellwach. „Ist Weihnachten schon vorbei? Welche Überraschung?“
Tobi stülpte Drago eine Weihnachtsmütze über: „Heut ist Weihnachten und du darfst mit uns feiern. Los, wir müssen uns beeilen! Meine Familie erwartet uns.“
Tobis Familie hieß den kleinen Drachen herzlich willkommen. Es war genau so, wie Tobi es ihm erzählt hatte. Am Tannenbaum wurden Kerzen angezündet, der Vater las die Weihnachtsgeschichte vor und dann war Bescherung. Alles war so feierlich.
Am meisten freute sich Drago über den gestrickten Ringelschal und die Riesendose mit Weihnachtskeksen. Bei dem Lied „O Tannenbaum“ summte er sogar leise mit. Das Größte war aber, dass er in Tobis Zimmer übernachten durfte. Für Drago hätte Weihnachten nie enden müssen.

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Eine turbulente, himmllische Weihnachtsgeschichte von Katharina Britzen
Wie Nona und Tubo Weihnachten retteten

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