Hackbraten an Heiligabend

Hackbraten an Heiligabend

© Matthias Weber

„Fröhliche Weihnachten!“, rief Frank und schüttelte eine billige Blechglocke vor Max’ Gesicht. Sie produzierte einen Höllenlärm.

Max sah von der Tastatur auf und blickte Frank über den Rand seiner Brille verständnislos an. „Wie bitte?“

„Morgen ist es so weit! Weihnachten, Mann!“ Mit einer lässigen Handbewegung warf Frank die Glocke hinter sich. Sie landete scheppernd auf dem abgewetzten Parkett und schlitterte an die Wand.

„Weihnachten“, echote Max, als habe er dieses Wort nie zuvor gehört.

„Jaaa, Mann! Du weißt schon … geschmückte Tannenbäume, Glühwein, Lichterketten, Gänsebraten, noch mehr Glühwein, viele Geschenke … das Fest der Liebe!“ Mit den Fingern schnipsend tanzte Frank durch den Raum und summte irgendeinen populären Christmas-Hit. Als er merkte, dass Max sich unbeeindruckt wieder an die Arbeit machte, blieb er enttäuscht stehen. „Ist nicht Dein Ding, oder?“

„Deine Darbietung?“ Max schüttelte den Kopf. „Nicht wirklich.“

„Nee … ich meine Weihnachten und so.“ Frank ließ sich in einen tiefen Sessel fallen und streckte seine langen Beine aus. „Was machst Du an den Feiertagen?“

„Arbeiten“, antwortete Max und hackte weiter mechanisch auf die Tastatur ein.

„Die ganze Zeit? Das meinst Du nicht ernst, oder?“

„Warum nicht?“

Mühsam schälte sich Frank aus den weichen Polstern. „Hast Du denn keine Familie? Und was ist mit Deiner Freundin?“ Mit einem Mal wurde ihm klar, wie wenig er über Max wusste, obwohl er nun schon fast ein Jahr mit ihm zusammen arbeitete.

„Weit weg“, war alles, was Max dazu sagte.

„Weihnachten ganz allein … Mann, das ist hart …“ sagte Frank mit echtem Bedauern und fügte entschuldigend hinzu: „Sorry, das wusste ich nicht.“

„Kein Problem“, erwiderte Max. „Ich komme ganz gut damit zurecht.“

„Trotzdem solltest Du nicht zuhause sitzen und arbeiten.“ Frank stand jetzt wieder vor Max’ Tisch.

„Das werde ich nicht.“ Max griff nach seiner Tasse und lehnte sich entspannt zurück.

„Dann bin ich ja beruhigt“, sagte Frank.

Max trank den letzten Schluck Kaffee. „Ich werde hier sein, nicht zuhause“.

„Hier?“, rief Frank entsetzt. „Du willst die Feiertage im Büro verbringen?“

Max stand auf und schlenderte Richtung Küche. „Das Projekt soll bis Anfang Februar abgeschlossen sein, und wann kann ich schon mal drei Tage lang ungestört durcharbeiten?“

Frischer, duftender Kaffee sprudelte dampfend aus dem Automaten.

Frank lief ihm nach. „Das geht nicht, Mann. Du kannst Weihnachten nicht arbeiten … das ist nicht okay!“

Max nippte ganz ruhig an seiner Tasse. „Wer sagt das?“

„Na, alle sagen das … der Papst zum Beispiel!“ Frank goss sich ebenfalls eine Tasse ein. „An Weihnachten wird die Geburt Christi gefeiert.“

„Ich wette, der Papst arbeitet in dieser Zeit ohne Unterbrechung“, erwiderte Max.

„Das ist was anderes.“ Frank trank zwei große Schlucke und verzog wie immer das Gesicht, wenn der Kaffee nicht die richtige Stärke oder Temperatur hatte. „Aber mal ehrlich … bedeutet Dir Weihnachten denn gar nichts?“

Max nahm das Sofa in Beschlag und dachte ein paar Sekunden über diese Frage nach, bevor er antwortete. „Weihnachten bedeutet mir sogar eine ganze Menge … weil es mich an meine Kindheit erinnert.“ Er blickte zu Frank auf. „Weißt Du noch, wie es war, als Kind Weihnachten zu erleben? Der Zauber des ersten Schnees, der die ganze Welt in einen magischen Ort voller Wunder und fantastischer Möglichkeiten verwandelte? Die freudige Erwartung, die über diesen Tagen lag?“

Als Frank ihn erwartungsvoll ansah, fuhr Max fort. „Wir wohnten in einem kleinen Haus am Stadtrand. Meine Eltern waren nicht reich, nicht mal wohlhabend. Trotzdem hat es mir nie an etwas gefehlt. Und irgendwie schafften sie es immer, Weihnachten zu einem prächtigen Fest zu machen. Tagsüber durfte ich mit meinen Freunden draußen spielen. Dann liefen wir durch die Straßen und übertrumpften uns gegenseitig mit den verrücktesten Ideen, was das Christkind uns wohl bringen würde. Eine Mondrakete. Eine meterhohe Torte. Ein Rennpferd mit Düsenantrieb. Dabei wussten wir, dass alles nur Quatsch war, und haben uns kaputt gelacht. Wenn es dunkel wurde, schauten wir einen der alten Spielfilme an, die im Nachmittagsprogramm liefen, und dazu gab es heiße Schokolade und Plätzchen, die meine Mutter gebacken hatte. Unser Fernseher war ein museumsreifes Schwarz-Weiß-Gerät, aber das hat uns nie gestört. Wenn wir erst mal tief in den Film eingetaucht waren, kam es uns so vor, als sähen wir ihn in den leuchtendsten Farben.“

Max blickte durch die hohen Fenster des Ateliers nach draußen in die Dämmerung. „Wie gesagt, wir lebten in einem kleinen Haus, und das Wohnzimmer war geradezu winzig, doch für eine Tanne war immer Platz. Keine Ahnung, wie mein Vater es angestellt hat, aber jedes Jahr bekamen wir einen herrlich bunten kitschigen Christbaum. Na ja, manchmal musste er ein paar Äste von der Rückseite wegschneiden, um den Baum tiefer in die Ecke zu schieben, doch er hat das immer so geschickt gemacht, dass wir noch ein paar Päckchen und Krippenfiguren dazu stellen konnten. Es gab nur wenige Geschenke, doch sie waren stets mit so viel Sorgfalt und Liebe ausgewählt, dass sie uns riesig vorkamen.“

Franks Handy summte, doch er ignorierte es. „Erzähl weiter“, bat er.

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Weihnachten. Weihnachtsgeschichten und WeihnachtsgedichteWeihnachten
Weihnachtsgeschichten und Weihnachtsgedichte
Dr. Ronald Henss Verlag

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Stichwörter:
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